Glauben oder nicht? (Bestandsaufnahme)

September 4, 2008 at 12:33 | In Persönliches | Leave a Comment
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Für mich ist die Frage des Glaubens schon lange keine Frage mehr nach den Dingen selbst. Gott als höchste Instanz und letzte Wahrheit, die Sein und Sollen verbindet und mir die Antworten auf all meine Fragen gibt, habe ich längst aufgegeben.

Früher hätte ich so einen Gott gebraucht, und deswegen wollte ich an ihn glauben. Mittlerweile brauche ich ihn nicht mehr im selben Ausmaß- ich ignoriere Heilsversprechungen und konzentriere mich lieber auf das Leben vor dem Tod. Mein Sehnen nach einem Einsehen in die universale Ordnung war für mich notwendig, und das Streben danach galt mir als sinnerfüllte Beschäftigung. Ich habe lange Zeit damit zugebracht, mir selbst einzureden, ich könnte dieses Streben aufgeben. Ich dachte, danach könnte ich endlich frei leben und der Absurdität die Stirn bieten. Ich las Camus’ Le Mythe de Sisyphe und Sartres La Nausée und war davon überzeugt, endlich alles verstanden zu haben. Es war ganz einfach, ich konnte mich aus freier Entscheidung zum Leben bekennen und dabei noch so etwas wie ethische Werte vertreten, und das alles ohne Sinn! Wir Menschen waren in die Welt Geworfene, Gott hatte uns verlassen, aber das war uns egal! Diese Überzeugung, mich nun endlich auszukennen gab mir eine tiefe Befriedigung. Ich fühlte, dass ich endlich Einblick in die höhere Ordnung hatte und mich von der Suche nach ihr befreien konnte.

Dann fiel mir auf, dass da etwas nicht stimmte.

Ich begann von Neuem, diesmal las ich Texte über Herakleitos, und ich war zutiefst überzeugt: das ist es! Konfusion, ein pessimistisches Menschenbild, eine alles erschütternde Theorie: Ich musste kaum etwas aufgeben von den Dingen, an die ich bisher geglaubt hatte, und konnte trotzdem an etwas festhalten. Ich musste nur die Dualität begreifen, um den alles erfassenden Krieg verstehen zu können – und schon hatte ich Einblick in die Mechanismen unseres Universums. Ich wusste, ich hatte großen Anteil am Logos, ich war geschmeichelt: Ich kannte mich aus in der Welt!

Dann bemerkte ich, mein Weltbild reichte noch immer nicht.

Ich begann mich von Nietzsche beeindrucken zu lassen und von Wittgenstein, ich schnupperte in den Konstruktivismus, den Poststrukturalismus, und noch in einige andere -ismen. Und da begriff ich erst: Das Schlimmste, was mir passieren konnte, war, an meinem Ziel anzukommen. Hätte ich endlich das alles umfassende System begriffen, was dann? Es gäbe nichts mehr zu tun, mein Leben wäre fortan sinnlos. Denn nicht das Einhalten eines Systems lässt mich große Befriedigung verspüren. Sondern das Gefühl, dass es da draußen immer noch etwas zu entdecken gibt.

Theoretisch könnte ich jetzt alles lockerer angehen. Alle Verbissenheit auf meiner Suche, alle Emotionalität und Ernsthaftigkeit könnte ich fahren lassen und mich zurücklehnen. Aber das geht nicht, denn wenn ich die Suche nicht weiterhin ernst nehme, wie kann ich sie dann genießen? Welche Lust bleibt mir dann bei dem Ganzen? Mir ist nun klar, dass das Verwerfen eines Gottes, einer Wahrheit, eines Sinns nichts Erfrischendes hat, wenn es nur dazu dient, unter dem Postulat eines Nicht- Sinns weitere Systeme zu entwerfen, die für sich genommen wieder Sinn ergeben. Und somit jene Lücken füllen, für die zuvor ein Gott zuständig war. Aber dennoch, wenn ich keinen Sinn haben kann, dann brauche ich zumindest diesen Nicht- Sinn. Auch an ihn lässt sich glauben, wenn auch nicht so romantisierend.

Letzten Endes werde ich immer Etwas brauchen, an das ich glauben kann. Dieses Etwas werde ich mein ganzes Leben lang jagen, es wird mir in unendlichem Regress immer einen Schritt voraus sein, und ich werde es genießen. Denn es ist das was ich brauche, mein Motor, der mich treibt. Aus dieser Perspektive kann ich Gläubige verstehen.

Poesie und Politik – Heinrich Heine

Februar 3, 2008 at 11:38 | In Literatur | Leave a Comment
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Heinrich Heine gilt als der letzte große Romantiker, der die Romantik nicht nur logisch weitergeführt und vollendet, sondern gleichzeitig auch überwunden hat.
Seine Stilmittel wenden sich im Spätwerk vom „romantikkonformen“ Typus des Liedes ab und arbeiten entromantisierend. Der Weltschmerz, der Liebeskummer, der Byronismus, das Glorifizieren der Natur und Hochhalten des Mittelalter- und Ritterkultes werden umgewandelt in ironische Verzerrungen, harte motivische Kontrastierungen und metrische und rhythmische Diskrepanzen. Heine verhöhnt die „hölzerne Nichtigkeit der Romantik“ und die Philister, die ihr frönen, er stellt sich gegen eine Gesellschaft, die an den alten Ordnungen der Monarchie und der katholischen Kirche festhält und die die restaurativen Kräfte bestärkt. Im Sinne des französischen Geistes und der aufklärerischen Prinzipien von Freiheit, Gleichheit, Vernunft,  Kritik und Öffentlichkeit kämpft er gegen Engstirnigkeit und Dogmatismus.
Heines Abneigung gegen das Spießbürgertum demonstriert sich sehr anschaulich im Gedicht Sie saßen und tranken am Theetisch:

Sie saßen und tranken am Theetisch,
Und sprachen von Liebe viel.
Die Herren, die waren ästhetisch,
Die Damen von zartem Gefühl.

Die Liebe muß seyn platonisch,
Der dürre Hofrath sprach.
Die Hofräthin lächelt ironisch,
Und dennoch seufzet sie: Ach!

Der Domherr öffnet den Mund weit:
Die Liebe sey nicht zu roh,
Sie schadet sonst der Gesundheit.
Das Fräulein lispelt: wie so?

Die Gräfin spricht wehmüthig:
Die Liebe ist eine Passion!
Und präsentiret gütig
Die Tasse dem Herren Baron.

Am Tische war noch ein Plätzchen;
Mein Liebchen, da hast du gefehlt.
Du hättest so hübsch, mein Schätzchen,
Von deiner Liebe erzählt.

Die Szenerie ist klar gezeichnet: Wir befinden uns in gutbürgerlichem Hause und lauschen der gepflegten Konversation von Vertretern der höheren Kreise: Hohe Beamte, Kirche und Adel sind zusammengetroffen, um in romantisch- gesitteter Manier zu parlieren. Ihr Thema, die Liebe, behandeln sie in typisch romantischer Weise, es finden sich keine großen Emotionen, nur leeres Gewäsch.
Die Phrase der „platonischen“ Liebe, die in Vers 5 vom Hofrat eingeworfen wird, wirkt genauso leer und inhaltslos wie die Feststellung des Domherren, die Liebe solle „nicht zu roh“ sein, da sie sonst der Gesundheit schade. Das Gedicht ist seiner Form nach ein Volkslied. Heine hat damit eine typisch romantische Form gewählt, die mit dem Wunsch des Leserpublikums, formal archaische Strukturen vorzufinden, konform geht. Jedoch verwendet er diese Form in seinem eigenen, modernen Sinn: Die dreihebigen Strophen, die aus vier Versen bestehen, setzen jeweils ein Paar zusammen: Damen und Herren, Hofrat und Hofrätin, Domherr und Fräulein und Gräfin und Baron. Die zweite Person demontiert dabei die jeweils die erste, wobei die Gräfin das selbst erledigt: Ihre Diktion von der leidenschaftlichen Liebe wird in Kontrast gesetzt zu ihrer alltäglichen, passionslosen und somit lächerlich wirkenden Geste des Teeeinschenkens. Ironisch gemeint ist auch die Tatsache, dass gerade der Priester und das Fräulein, die ja beide per definitionem mit Liebe nichts zu tun haben, vom körperlichen Aspekt der Liebe sprechen. Das Seufzen der Hofrätin in Vers 8 lässt den Leser (sexuelle) Frustration assoziieren. Auch wird ihr Seufzen durch die Aussprache karikiert; es ist in einem Kreuzreim mit dem Wort „sprach“ verbunden und wird so zu einem „Aaach“. Solche Effekte werden durch unreine, komisch wirkende Reime („ästhetisch- „Theetisch“, „Mund weit“ – „Gesundheit“) und Inversionen erzielt. Somit sind die in der Konversation vorhandenen Diskrepanzen auch im Metrum präsent.

In der Schlussstrophe findet sich eine thematische und kompositorische Wendung: Das lyrische Ich spricht das in der Runde fehlende „Liebchen“, „Schätzchen“ an, mit der Feststellung, es hätte von seiner Liebe erzählen können. Das „Liebchen“ gibt Interpreten nun Rätsel auf. Ist das Herbeiwünschen seiner Anwesenheit ernst gemeint, spricht das lyrische Ich also von einer ehemals Geliebten, mit der es das Geheimnis der Liebe teilt? Die herablassenden Diminutiva „Plätzchen“, „Schätzchen“ usw. lassen eher an eine ironische Auslegung denken, in der sich der lyrische Erzähler an einer ehemaligen Geliebten rächen will.
Die ernste Deutung streicht unter anderen der Rezensent Jürgen Brummack heraus: die Strophe ist doppeldeutig, sie könnte ernst gemeint sein; nach dem Motto „Die hätten sich gewundert“. Dies wird von Peter Christian Giese hervorgehoben. Er liest das Werk auch als ironische Variation von Platons Dialog Symposion.
Thema und Situation der beiden Werke sind vergleichbar: In Platons Dialog tritt eine Runde edler Männer aus Anlass eines Tragödiensieges zum Trinkgelage zusammen. Der Wein, den sie trinken steht im Gegensatz zu dem Tee der Gesellschaft Heines. Heine assoziiert Tee übrigens immer mit dem wässrigen deutschen Getränk, und bezieht sich immer wieder spöttisch darauf, auch in Gedichten. Ähnlich wässrig wie der Tee ist die Unterhaltung der Gesellschaft. Der Wein als Trank des Dionysos hingegen wirkt inspirierend und kommt in seiner Betonung der Lust dem Wesen des Eros bei weitem näher als der Tee, der nur zu feinsinnig- stilvollen Konversationen mit minderem Anspruchsniveau innerhalb gesellschaftlicher Konventionen führen kann. Der Rang der Personen im Symposion gründet sich auf persönliche Leistungen, während die Personen in Sie saßen und tranken am Theetisch sich allein auf ihre Zugehörigkeit zu bestimmten Gesellschaftsschichten berufen können. Im antiken Dialog wird die Erotik zunehmend entmaterialisiert. Diese Sichtweise hat jedoch nichts mit der „platonischen“ Liebe in Heines Gedicht zu tun. Der Begriff der platonischen Liebe hat einen langen Weg hinter sich, der auch eine Veränderung der Konnotation mit sich gebracht hat. Denn während Platons Vorstellung der höchsten Stufe der Liebe mit der Liebe zur Weisheit, dem Erkenntnistrieb zu Philosophie also einhergeht, deren größtes Ziel die Schau der reinen Idee ist, ist in der Romantik die Wendung von der platonischen Liebe in etwa so abgeschmackt und leer wie heutzutage. Im Symposion ist die Liebe eine produktive Kraft, die das Individuum von seiner Ichbefangenheit löst und sein Streben nach Höherem entzündet. Diese Deutungsmöglichkeit wird noch bekräftigt in der strukturellen Entsprechung der beiden literarischen Werke. Das fehlende Liebchen ist analog gesetzt zu Alkibiades, der erst später zu der diskutierenden Runde hinzutritt. Er ist die siebente Person im Bunde, genauso wie das Liebchen. Alkibiades ist ungezwungen und laut und setzt sich über Gesprächsnormen hinweg. Er spricht von seiner Liebe zu Sokrates in einer Art und Weise, dass die Anwesenden plötzlich erkennen: die leibhaftige Verkörperung des Eros war die ganze Zeit unter ihnen.

Trotz der Uneinigkeit, die unter Interpreten des Gedichtes Sie saßen und tranken am Theetisch herrscht, gibt es einen Aspekt, auf den sich alle einigen können: Heine hat sein Volkslied als Satire verfasst. Er benutzt eine alte, konventionelle Form um Zeitkritik anzubringen, sowohl auf ästhetisch- poetischer als auch auf philosophisch- politischer Ebene. Diese Konzentration auf zwei scheinbar so schwer miteinander zu vereinbarenden Pole- Poesie und Politik- macht ihn zu einer einzigartigen, imponierenden Figur der deutschen Literaturgeschichte.

Mein Julimond ist vorüber, dunkel glühn seine letzten Stunden, in der Tiefe ruft die große Mutter.

Januar 26, 2008 at 5:54 | In Literatur, Philosophie, Zitate | Leave a Comment
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„Warum gab es Zeit? Warum immer nur dies idiotische Nacheinander, und kein brausendes, sättigendes Zugleich? (…) Das ganze Leben hindurch konnte man genießen, konnte man schaffen, aber man sang immer nur Lied um Lied, nie klang die ganze volle Symphonie mit allen hundert Stimmen und Instrumenten zugleich.“

Hermann Hesse- Klingsors letzter Sommer

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